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Attraktive Arbeitgeber
Pflege muss raus aus der Tabuzone
Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter unterstützen, dass sie Familie, Pflege und Beruf unter einen Hut bekommen? Nur indem sie das Thema Pflege „aus der Tabuzone“ holen und mit ihren Angestellten und Partnern Lösungen erarbeiten. Das machte die Veranstaltung „Attraktiver Arbeitgeber im Zeichen demografischen Wandels“ deutlich.
Ohne professionelle Unterstützung ist die Pflege zu Hause für Angehörige nur schwer zu machen.Keppler-Stiftung
Verantwortlich zeichneten Caritas, Diakonie, Unternehmensnetzwerk Erfolgsfaktor Familie und die Wirtschaftsjunioren Baden-Württemberg.
Werden die eigene Mutter oder der Vater pflegebedürftig, kann das einen Arbeitnehmer schnell aus der Bahn werfen, weil einer Belastung die nächste folgt. Dies wird auch aufgrund der demografischen Entwicklung für die Unternehmen selbst immer mehr zum Problem. Denn sie sind darauf angewiesen, dass sich ihre Mitarbeiter mit ganzer Kraft ihrer beruflichen Tätigkeit widmen können - und dabei gesund bleiben. Auch Gerlind Adam aus dem Raum Sindelfingen wurde total überrascht von der plötzlichen Pflegebedürftigkeit ihres Mannes und fühlte sich zunächst allein gelassen. Die Wohnung war nur über 65 Stufen zu erreichen, die Türen zu schmal für den Rollstuhl. "Täglich bin ich um fünf Uhr aufgestanden und um abends um elf ins Bett, war immer erreichbar für die Narkoseärzte", berichtet sie. Erst mit der Zeit akzeptierte ihr Mann die junge Pflegerin, wollte sich zunächst nicht duschen lassen von einem ihm fremden Menschen. "Das sind Sachen, an die man zuvor gar nicht denkt". Gerlind Adam hatte Glück: Neben einem gut funktionierenden sozialen Netz und einem professionellen Pflegedienst hatte sie das Verständnis des Arbeitgebers auf ihrer Seite: So konnte sie bei Bedarf "jederzeit vom Arbeitsplatz weg" und so Pflege und Beruf miteinander vereinbaren. Für sie ein echtes Privileg, denn dass eine Kassiererin im Supermarkt das auch verwirklichen könnte, das glaubt sie nicht.
Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Pflege: Schlüsselfrage der Zukunft
Auch für Peter Schneider, Präsident des Sparkassenverbandes Baden-Württemberg, ist die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Pflege eine Schlüsselfrage der Zukunft. "Gerade als öffentlich-rechtlicher Arbeitgeber ist es uns wichtig, dass die Gesellschaft gut funktioniert, wir ein intaktes soziales Leben haben", betonte Schneider. Insbesondere könnten die Sparkassen "nicht auf die Frauen verzichten", seien auf ihre Arbeitskraft auch während und nach der Familienphase angewiesen.
"Pflege ist ein Fulltime-Job", sagte Dr. Marlies Kellmayer.
"Wir haben ein vitales Interesse an diesem Thema", machte der Sparkassenpräsident deutlich. Dass es immer mehr Pflegeverhältnisse auf Distanz gibt, dadurch der Aufwand für die Pflege weiter wächst, unterstrich Dr. Marlies Kellmayer als Vorsitzende des Liga-Ausschusses Alter und Gesundheit. "Pflege ist meistens schon ein Fulltime-Job und führt bei vielen dazu, dass sie ihren Beruf einschränken oder gar aufgeben müssen". Durch den hohen Zeitaufwand würden zudem "private Kontakte zurückgefahren". Darunter leide das eigene Wohlergehen, es komme zu Überforderungssituationen und manchmal auch zu Gewalt gegenüber den Pflegebedürftigen. Für Kellmayer liegt das aber auch daran, dass Angehörige viel zu wenig über existierende Entlastungsangebote wüssten. Hier sieht Dr. Alfons Maurer, Vorstand der Paul Wilhelm von Keppler-Stiftung eine wichtige Aufgabe für Caritas und Diakonie - nämlich über die Information hinaus in Kooperation mit Unternehmen Lösungsansätze zu finden und neue Dienstleistungs-Angebote zu kreieren.
Viele gute Beispiele aus Unternehmen
Publikum der Veranstaltung „Attraktiver Arbeitgeber im Zeichen demografischen Wandels“ in Stuttgart.
Dabei gibt es viele Beispiele aus Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden dazu ermutigen, mit offenen Karten zu spielen - und ihnen dann auch eine möglichst breite Unterstützung anbieten. "Wir können innerhalb von wenigen Tagen reagieren und Betroffenen beispielsweise Teilzeit anbieten", so der Personalleiter der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, Klaus-Peter Friedrich. Auch wenn jemand direkt am Schalter arbeite, sei es in der Regel kein Problem, rasch eine andere Aufgabe zu finden, die nach Möglichkeit auch näher am Wohnort liege. Dass dies in der Sparkasse so gut funktioniert, liegt nach Aussage von Friedrich neben einer großen Solidarität unter den Kollegen auch an der konstruktiven Zusammenarbeit mit der Samariterstiftung, einem Träger von Altenheimen. "Wir führen unsere Mitarbeiter schon frühzeitig an das Thema Pflege heran, indem sie in Pflegeeinrichtungen mitarbeiten und sich so für das Thema öffnen und sensibel werden." "Von Anfang an mit ins Boot" hat das Unternehmen perbit Software GmbH ihre Führungskräfte genommen und darüber hinaus die Mitarbeitenden selbst befragt, wo bei ihnen der Schuh drückt. Jetzt setzt die Personalleiterin Lisa Krüger darauf, dass in Mitarbeitergesprächen das die mögliche häusliche Pflege "immer auch zum Thema gemacht wird". Gut angekommen ist neben einer Freistellung mit Lohnfortzahlung auch die Anschaffung eines Rollstuhls, den sich jeder nehmen kann, wenn er beispielsweise die gehbehinderte Oma zum Arzt fahren muss. Noch vor zehn Jahren hat man bei der Daimler AG nicht wirklich über das Thema alternde Mitarbeiterschaft nachgedacht. Heute setzt das Unternehmen nach Aussage von Ursula Schwarzenbart, Leiterin des Global Diversity-Managements, auf Prophylaxe, damit die Mitarbeiter länger gesund bleiben. Aber sie betont, dass auch bei Daimler Pflege oft noch ein Tabu ist. "Manche schämen sich, dass sie jemanden zuhause voll pflegen müssen und trotzdem berufstätig sind". Gute Erfahrungen hat der Automobilkonzern mit der Elternzeit, die jeder zweite Mitarbeiter für sich in Anspruch nimmt. "Sie kehren dann nach mehreren Monaten als noch bessere Mitarbeiter zurück", freut sich Schwarzenbart.
Veranstaltungsreihe wird fortgesetzt
Zu der Veranstaltung unter dem Titel "Attraktiver Arbeitgeber im Zeichen demografischen Wandels" waren am Donnerstag, 10. November 2011, rund 100 Vertreterinnen und Vertreter von Unternehmen aus Wirtschaft und Sozialer Arbeit in die Räume des Sparkassenverbands Stuttgart gekommen. Weitere Veranstaltungen dieser Art sind im nächsten Jahr unter anderem in Karlsruhe, Lübeck und Berlin geplant. Die Veranstaltungsreihe ist Teil des bundesweiten Projektes "Unternehmen aktiv in der Pflege", das vom Bundesministerium für Gesundheit unterstützt wird. Dabei geht es neben der Förderung des Dialogs auch darum, Möglichkeiten aufzuzeigen und weiter zu entwickeln wir Wirtschafs- und Sozialunternehmen miteinander kooperieren und so gute Lösungen für ihre Mitarbeitenden finden können.
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