Sozialcourage
Pflegende Angehörige
"Sie atmet ruhiger, wenn ich da bin!"
Wenn die Pflege der Eltern zur Lebensaufgabe wird
Theo Diekmann am Pflegebett seiner Mutter – einem kleinen, aber hellen und Geborgenheit vermittelnden Raum.Manuela Decker
Es ist still im Haus. Morgens um 8 Uhr ist im sauerländischen Neuastenberg das Leben kaum erwacht. Ebenso im Haus der Familie Diekmann, in dem vor Jahrzehnten nicht nur die zehn Kinder, sondern auch der Pensionsbetrieb für ständigen Wirbel sorgten.
Heute ist Sohn Theo meist allein mit seinen Eltern, beide über 80 Jahre alt - beide auf die Unterstützung anderer angewiesen. Sein Vater schläft noch. "Ich lasse ihn schlafen und seinen eigenen Rhythmus finden", sagt der Sohn. Der Vater schläft auch um 10 Uhr noch tief und fest.
Ins Zimmer seiner Mutter geht der 41-Jährige jeden Morgen gegen halb acht. Dort liegt sie nach einem schweren Schlaganfall seit zwei Jahren. Die überwiegende Zeit des Tages hat sie die Augen geschlossen. "Sie atmet ruhiger, wenn ich da bin", sagt Theo Diekmann, während er ihren Arm streichelt. Er prüft noch einmal, ob alles bereit liegt, wenn gleich um 9 Uhr die Mitarbeiterin der Caritas-Sozialstation kommt, die dreimal am Tag für Grundpflege und Medikamentierung sorgt. Dann hilft er auch beim Haare waschen und setzt seine Mutter täglich für zwei bis drei Stunden in den Rollstuhl. "Das hat sich bewährt", sagt er, der die pflegebedürftige Frau abwechselnd als "Frau Diekmann" und als "Mamutschka" anspricht. Bereits vor dem Schlaganfall begann bei der mittlerweile 82-Jährigen die Demenz. Auch bei seinem Vater, einem pensionierten Polizeibeamten, hat das Vergessen eingesetzt. Der Umgang miteinander ist nicht immer leicht.
Theo Diekmann hat sich dafür entschieden - für das Dasein, für das Geben. Hat sein Leben in Berlin, wo er Mitglied der 67. Kammer des Sozialgerichtes ist und seit neun Jahren mit seinem Freund in einer Partnerschaft lebt, in den Hintergrund gestellt. Ist er zwischendurch in Berlin, springt stets sein ältester Bruder ein, mit dem er sich die gesetzliche Betreuung der Eltern teilt.
Die Küche im 300 Jahre alten Bauernhaus erzählt noch aus vergangenen Zeiten.Manuela Decker
"Man muss selbst immer mehr Leben mitleben, das die Eltern aushauchen", versucht er die Situation in Worte zu fassen. Unter den Geschwistern gab es nur wenige, die eine Pflege der Eltern zuhause wollten. Für Theo Diekmann war es keine Frage, dass sie nach 57 Ehejahren ihren Lebensabend in dem 300 Jahre alten Bauernhaus verbringen können. Eine seltene, aber humane Art des Abschieds, nennt der Sohn seine Entscheidung. Es sei für ihn eine Frage der inneren Hygiene, so zu handeln, wie er es tut. Es klingt wie eine Selbstverständlichkeit - und ist doch schwer nachvollziehbar, dieses Leben in Berlin gegen die Enge des Elternhauses einzutauschen. Doch an seiner Entschiedenheit lässt Theo Diekmann keinen Zweifel. Er kennt sich gut aus, mit Sozialgesetzen, Maßnahmen, Möglichkeiten, aber auch mit Essenssonden, Windelbestellungen, Physiotherapie. "Ich bin ein Freak, der gerne Betriebsabläufe optimiert", lächelt er. Vor einigen Jahren hat er bereits eine ältere Dame in Berlin bis zu ihrem Tod mit 104 Jahren gepflegt und betreut. Sie haben zusammen gelebt, in einem Zeitungsartikel wurde er gar als ihre letzte große Liebe tituliert. "Ob dieser Weg hier komplett richtig oder falsch ist, können weder ich noch Außenstehende beurteilen", sagt er. Doch er zaudere und zweifle nicht, sondern gehe lebensbejahend an alles heran. Nur so kann er sich wohl auch den einen Wunsch für seine Mutter erfüllen: Dass sie - nachdem sie oft die Hölle auf Erden gehabt habe - nun zumindest sterben könne wie ein Engel.