Sozialcourage

Demografischer Wandel

Macht der Letzte das Licht aus?

 

Axel Eggers und Klaus Lange vor der Pfarrkirche KörbeckesAxel Eggers (l.) und Klaus Lange sind angetreten, um zusammen mit anderen Bewohnern von Körbecke die Strukturen des Dorfes, die vom "demoskopischen Faktor" zerstört werden, zu retten. Im Hintergrund die Pfarrkirche, das Wahrzeichen des Ortes im Kreis Gerd Vieler

Mit ihren derzeitigen Herausforderungen sind die rund 750 Bewohner von Körbecke im Kreis Höxter nicht allein. Der „demoskopische Faktor“ fordert auch in dem kleinen Ortsteil von Borgentreich seinen Tribut. Es geht ihm wie vielen anderen in den ländlichen Teilen des Kreises. Vieles ist in Körbecke geprägt vom Wort „noch“. Noch gibt es einen Bäckerladen, noch gibt es einen Friseurladen, auch wenn die Friseurin schon 88 Jahre alt ist. Noch hat der Metzger einen Tag in der Woche geöffnet. Noch gibt es einen Hausarzt, einen Kindergarten, und auch die Bank hat noch drei- bis viermal in der Woche halbtags geöffnet. „All das gibt es noch, auch wenn der Pastor schon weg ist“, sagen Klaus Lange (47) und Axel Eggers (51), Pfarrgemeinderatsmitglieder und aktiv im Gemeindeleben tätig. Zusammen mit anderen Dorfbewohnern sind sie angetreten, etwas gegen das Sterben des Dorflebens zu unternehmen.

Initialzündung dazu war eine Ideenbörse im Herbst 2009, zu dem das Katholische Bildungswerk im Dekanat Höxter Vertreter aus vielen Dörfern eingeladen hatte, damit sie sich über ihre Situation und vor allem über die Initiativen zum Fortbestand der ländlichen Lebenskultur austauschen können. „Der Letzte macht das Licht aus!“ war die Veranstaltung mit einem Schuss Galgenhumor betitelt. Dennoch gab das Treffen einige Anstöße, die das Selbstbewusstsein der Dorfbewohner stärkte. Dass es nicht möglich ist, die derzeitige Entwicklung grundsätzlich umzukehren, ist dabei den beiden Protagonisten klar. „Eine Umkehr schaffen wir nicht“, sagt Axel Eggers. „Die jungen Leute ziehen aus dem Ort in die Stadt.“ Rückläufig sei auch die Zahl der Menschen, die sich mit ihrem Dorf identifizieren. „Die Folge davon ist, dass das Angebot der Nahversorgung immer geringer wird, was das Leben auf dem Dorf scheinbar noch unattraktiver macht.“ Ein Teufelskreis.

Eine Möglichkeit, so meint die Gruppe von Aktiven in Körbecke, könnte der Erhalt von Strukturen für die Bleibenden sein und damit den völligen Zusammenbruch vielleicht noch eine Generation hinauszögern. Mit dem Zerfall der Strukturen, so befürchten sie, gehe auch die dörfliche Gemeinschaft verloren. Sie wollen das Dorfleben im Kopf der Bewohner stärken und die Dörfler miteinander ins Gespräch bringen, etwa durch einen Dorfrundgang. Damit alle mal sehen, was es vor der Haustür so alles gibt. Und „vor der Haustür“ ist hier wörtlich zu nehmen, denn in wenigen Minuten kann mal alle wichtigen Orte im Dorf zu Fuß erreichen. „Vielleicht ergeben sich durch diese Vernetzung Synergieeffekte, hofft Klaus Lange. „Wenn vielleicht der Bäcker Wurst vom Metzer mitverkauft, spart der Personalkosten.“ Um das Dorfbewusstsein zu stärken, haben sie das Projekt „Körbecke, ein Dorf betonen, beleuchten, begehen“ ins Leben gerufen, in der solche Ideen zusammengefasst werden sollen. So wurden in den dunklen Monaten die Häuser und Plätze des Dorfes mit bunten Scheinwerfern angestrahlt, um sie wortwörtlich „in einem anderen Licht“ zu zeigen. Ein „Dorfhausmarkt“ im Internet soll die Leerstände bekämpfen. Die „Körbecker Kiste“, ein Art Präsentkorb aus heimischen Produkten, soll die Identifizierung mit diesen Produkten stärken.

Axel Eggers und Klaus Lange träumen von einem „Versorgungszentrum“, wie es in dem Dorf Barmen bei Jülich entstanden ist. Dort kann man praktisch alles an einer Ladentheke erledigen: Wurst kaufen, Rezept abgeben, Führerschein abholen. Im selben Gebäude gibt es wöchentliche Arzt-Sprechstunden, Bürgerberatungen und Klönabende. Für ein solches Modell müssten aber noch mehr Dorfbewohner die Zeichen der Zeit erkennen und alle Körbecker Interesse am Erhalt ihren Dorfes zeigen, fliegen die beiden von ihren Zukunftsträumen wieder zurück in die Realität des Dorfes, das im Schrumpfen wachsen will.    

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