Im Portrait
Gudrun Knab
Die Armut hat meine Seele verletzt
Nach zehnjähriger Tätigkeit auf meiner Trauminsel Lanzarote kehrte ich nach Deutschland zurück. Doch hier erwartete mich ein völlig verändertes soziales und wirtschaftliches Klima. Ich fand keinen Job und verlor meine Wohnung. Sowohl meine körperliche als auch meine seelische Gesundheit haben bis heute darunter zu leiden.
Gudrun Knab
Als junger Mensch hatte ich nie Probleme nach einem Auslandsaufenthalt einen Job in Deutschland zu finden. Doch diesmal war alles anders. Inzwischen war ich schon 50 Jahre alt, als ich aus Lanzarote zurückkehrte und niemand wollte mich einstellen. Ich lebte so lange ich konnte von meinen Ersparnissen, doch irgendwann gingen diese zu Ende.
Flucht ins Obdachlosenheim
Und so kam es, dass ich mir meine Wohnung bald nicht mehr leisten konnte. Ich flüchtete mich in ein Wohnheim für Wohnungslose. Das war eine sehr schwierige Situation mit 50 Männern und vier Frauen, viele alkoholabhängig.
Glücklicherweise konnte ich durch das Leben im Wohnheim Sozialhilfe beantragen, ohne dass meine Eltern belangt wurden. Und so hatte ich schon bald die Möglichkeit, mir eine eigene Wohnung zu suchen. Als Hartz-IV-Empfängerin durchlief ich dann sämtliche unsinnigen Maßnahmen des Arbeitsamtes. Alles mit dem Versprechen: Wir bringen Sie in Arbeit.
Keine Arbeit, keine Freunde
Doch es half nichts. Der soziale Abstieg war vorprogrammiert. Meine Freunde hatten alle Geld und am Anfang lässt man es sich noch gefallen, wenn es heißt: "Ach, komm mit. Ich lad dich ein." Doch irgendwann ist die Schamgrenze erreicht und auch die Freunde ziehen sich immer mehr zurück.
Was bleibt, sind Einsamkeit, Selbstvorwürfe und Angst. Du kannst nichts, du bist nichts und keiner will etwas mit dir zu tun haben. Das war sehr schwer. Und um es erträglicher zu machen, griff ich schließlich zur Flasche. Gottseidank habe ich schnell begriffen, dass Alkohol nicht die Lösung sein kann. Ich bin freiwillig in ein Selbsthilfeprogramm gegangen und konnte schon bald wieder abstinent leben.
Weg vom Alkohol – hin zur Depression
Doch jetzt offenbarte sich, was ich immer versucht hatte mit Alkohol zuzuschütten. Ängste und Depressionen. Selbstmordgedanken kamen in mir auf. Ich fragte mich ernsthaft, wozu ich noch leben sollte. Bevor ich mir selbst etwas antun konnte, habe ich mich in die Psychiatrie einweisen lassen. Medikamente und Therapie haben mir sehr geholfen. Von hier aus ging es dann zur Caritas. Die Tagesstätte und die im Haus befindliche Ergotherapie begleiten mich bis heute.
Es mangelt an allem
Inzwischen bekomme ich Erwerbsunfähigkeitsrente und bin finanziell vom Regen in die Traufe geraten, ich lebe am Existenzminimum. Thermalbad oder Massagen für meinen schmerzenden Rücken kann ich mir nicht leisten, gute Schuhe und Kleidung auch nicht. Auto und Urlaub sind ein Fremdwort geworden. Dafür immer die Angst, es könnte irgendetwas kaputt gehen oder sonst etwas passieren das Geld kostet.
Am härtesten aber trifft es mich bei der Wohnungssuche. Wohnungen auf dem freien Markt sind unerschwinglich und bei Wohnungsbesichtigungen der Wohngesellschaften treffe ich auf 40 bis 80 Mitbewerber. So habe ich bis heute keine Zusage erhalten. Ende Februar muss ich hier (wohnen auf Zeit) raus, was dann?
Gudrun Knab ist 60 Jahre alt
Zuletzt geändert am: 24.01.2012