Pressekonferenz zum Jahresthema des Deutschen Caritasverbandes
"Arbeitslos 2005: Chancen statt Vorurteile" 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Arbeitslosigkeit ist derzeit eines der größten gesellschaftlichen Probleme in Deutschland. Deshalb konzentriert sich die Caritas im Jahr 2005 darauf, die Arbeitslosigkeit unter dem Motto "Arbeitslos 2005: Chancen statt Vorurteile" zu thematisieren und mit Betroffenen Wege aus der Arbeitslosigkeit zu suchen. Als Caritas wenden wir uns ja gerade jenen zu,
die in der Gesellschaft wenig Lobby haben. Aus unserer Sicht zählen hierzu arbeitslose Menschen.

Denn wer ist von Arbeitslosigkeit am meisten betroffen? Nicht die Akademiker, von denen 3,3 Prozent arbeitslos sind. Es sind auch nicht die Menschen mit einem qualifizierten Berufsabschluss. Ihre Arbeitslosenquote liegt gerade bei 6,4 Prozent. Das wirkliche Problem haben die Menschen ohne Berufabschluss. Jeder fünfte gering Qualifizierte (20 Prozent) im erwerbsfähigen Alter ist arbeitslos. Sie brauchen besonders, wie im übrigen alle anderen Arbeitslosen, Chancen statt Vorurteile.

Denn Vorurteile gibt es genügend. Das Institut für Demoskopie Allensbach hat vor nicht allzu langer Zeit ermittelt, dass rund 66 Prozent der Bevölkerung der Meinung ist, dass viele Arbeitslose gar nicht arbeiten wollen. Deshalb durchzieht folgende provozierende Frage wie ein roter Faden unsere Kampagne zum Jahresthema 2005:
"Wenn es allen Arbeitslosen viel zu gut geht, warum wollen dann nicht alle arbeitslos sein?"

Gegen Vorurteile kommen Fakten nur schwer an. Da hilft auch nicht das Wissen, dass nachweislich ein sehr hoher Prozentsatz der Arbeitslosen nichts lieber tun würde als arbeiten. Denn Arbeitslosigkeit ist auf die Dauer unerträglich belastend und macht oft krank - die Betroffenen selbst, aber auch ihre Familien. Arbeitslosigkeit bewirkt Dequalifizierung, soziale Ausgrenzung und einen Verlust an Selbstachtung.
Jeder weiß, dass Arbeitslosigkeit heute so gut wie jeden treffen kann.
Denn in den letzten Jahren hat sie Personenkreise und Branche getroffen, die es nicht für möglich gehalten hätten.

Mit unserem Jahresthema 2005 möchten wir für die Würde der Betroffenen eintreten und sie vor unberechtigten Zuschreibungen und Vorurteilen schützen.
Vor allem aber geht es uns darum, dass arbeitslose Menschen wieder Chancen und Perspektiven bekommen. Chancen statt Vorurteile heißt, dass ihnen Wege eröffnet werden müssen, wieder Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden. Und diese Chancen beginnen ganz früh. Über acht Prozent der deutschen Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss.
Bei ausländischen Jugendlichen liegt dieser Anteil bei 19,5 Prozent.

Damit werden Hunderttausende junger Menschen ohne Qualifizierung in den Arbeitsmarkt entlassen. Sie sind damit ohne berufliche Perspektive. Wir benötigen deshalb dringend eine breite Bildungs- und Qualifizierungsoffensive insbesondere für junge Menschen.
Diese Offensive hat bereits im Kindergarten zu beginnen und muss bis zur beruflichen Qualifizierung für Jugendliche reichen. Hartz IV bietet in diesem Punkt einen guten Ansatz, indem allen jungen Menschen bis 25 Jahren ein Arbeitsplatz, Ausbildungsplatz oder eine andere Qualifizierungsmaßnahme angeboten werden muss. Als Caritas engagieren wir uns seit Jahren in dem Bereich der Qualifizierung junger Menschen. Genauso wirken wir in unseren Einrichtungen und Diensten für Kinder und Jugendliche an der Verbesserung der Chancen von Kindern aus sozial schwächeren Schichten mit. Dazu gehören insbesondere Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien. Sie und ihre Eltern brauchen Unterstützung bei der Integration, damit sie echte Chancen auf einen Arbeitsplatz bekommen.

Darüber hinaus sind besonders ältere Menschen von Arbeitslosigkeit betroffen.
25 Prozent der Arbeitslosen sind über 50 Jahre alt. Unsere Gesellschaft und ihre Wirtschaft darf es sich langfristig einfach nicht leisten, diese Menschen aus dem Arbeitsmarkt
auszuschließen. Einzelne Betriebe, wenn auch noch viel zu wenige, haben hier schon umgedacht.

Hier brauchen wir noch einen grundsätzlichen Sinneswandel und das Engagement auf allen Ebenen. Genauso müssen wir über Wege nachdenken, wie gering Qualifizierte einen Zugang zum Arbeitsmarkt finden können. Dies wäre z.B. durch die Subventionierung einfacher Tätigkeiten im ersten Arbeitsmarkt möglich, etwa in der Form eines Kombilohns oder ähnlicher Modelle.

Hartz IV wird die Situation arbeitsloser Menschen verändern. Als Deutscher Caritasverband haben wir in vielen Punkten dazu Stellung genommen, wie im übrigen auch zu anderen sozialpolitischen Reformprojekten. Benachteiligte Menschen wie Arbeitslose dürfen durch die durchaus notwendigen Reformen aber nicht einseitig belastet werden. Deshalb sollte im Vordergrund von Hartz IV das "Fördern" und nicht das "Fordern" stehen. Darum engagieren wir uns im Bereich der Arbeitsgelegenheiten im Rahmen des Arbeitslosengeldes II.
Herr Professor Cremer, der Generalsekretär unseres Verbandes, wird dazu gleich Näheres ausführen.

"Arbeitslos 2005: Chancen statt Vorteile." Dieses Motto beinhaltet viele Anfragen und Aufgaben für die Gesellschaft, für die Wirtschaft, die Politik, die Kirchen und die Wohlfahrtsverbände sowie für die Betroffenen selbst. Daran wollen wir mit unserem Jahresthema mitarbeiten.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Msgr. Dr. Peter Neher
Präsident des Deutschen Caritasverbandes

Das Statement können Sie sich hier als PDF-Dokument mit 80 Kilo Byte herunter laden: Statement Doktor Peter Neher